Die ultimative Herausforderung

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ALOHA

Von Alfons Dees

 

Nachdem ich seit 20 Jahren die Ironman Weltmeisterschaft stets die ganze Nacht im Internet verfolgt hatte, konnte ich mir am 14.Oktober meinen sportlichen Traum erfüllen und selbst teilnehmen.

 

Im Vergleich zu meinen bisherigen Ironman Wettkämpfen war das eine völlig neue Herausforderung:

 

Der härteste Wettkampf nur 11 Wochen nach der Qualifikation in Zürich, mit dem 1. Platz der AK60-64. Kurz vor Zürich hatte sich meine rechte Achillessehne entzündet und ich war mit Schmerzen und 8 Minuten Rückstand auf die Laufstrecke gegangen. Trotzdem bin ich mit 20 Minuten Abstand den schnellsten Marathon der AK gelaufen, habe aber die Sehne so überlastet, dass vor Hawaii nur stark reduziertes Lauftraining möglich war. Daher war meine Anspannung vor dem Rennen besonders groß.

Dass unser Gepäck samt Fahrrad erst zwei Tage später in Kona ankam und Canyon erst vor Ort die Bremse reparieren und die angebrochene Sattelstütze tauschen konnte, strapazierte das Nervenkostüm extrem.

Die Woche vor dem Start war einfach Wahnsinn! Kona ist im völligen Ausnahmezustand. Morgens um 7:00 schon unzählige Athleten am Pier beim Schwimmen auf der Wettkampfstrecke, überall Radfahrer und Läufer. Die täglich steigende Spannung war förmlich greifbar.

 

Nach den ersten Trainingseinheiten wurde mir klar, was auf mich zukommt.

 

Die Wellen, den Wind und die Hitze kennt man zwar aus dem Fernsehen, aber wenn du es selbst erlebst, hat das eine ganz andere Dimension.

Da ich ein schwacher Schwimmer bin und noch nie im Meer solch eine Strecke geschwommen war, hatte ich einen Riesenrespekt vor der Auftaktdisziplin mit dem Massenstart und wollte nur heil aus dem Wasser kommen. Draußen am Wendepunkt war es so wellig, dass ich das Gefühl hatte kaum noch vorwärts zu kommen. Der Rückweg war dann der erwartete Überlebenskampf. Nach 1 Stunde 36 Minuten mit einigem Zickzack war der Schwimmausstieg erreicht und als 58. von 68 Startern der Altersklasse konnte die Aufholjagd auf dem Rad beginnen.

Nach der kurzen Wendepunktstrecke durch die Stadt ging es auf den Highway entlang der Küste nach Norden bei zunächst harmlosem Wind. Dann der erste Schreck: Die Garmin versagte, so dass der weitere Wettkampf ohne Zeit, Geschwindigkeit und insbesondere Pulsfrequenz zu einem „Blindflug“ wurde. Nach dem ersten Anstieg hinter dem Flughafen setzte schlagartig der gefürchtete Wind ein, als ob jemand einen gigantischen Fön eingeschaltet hätte.

 

…das Härteste, was ich bisher auf dem Rad erlebt habe.

 

Der endlose Anstieg nach Hawi zum Wendepunkt nach 96km bei der Hitze und gegen den permanenten Gegenwind war das Härteste, was ich bisher auf dem Rad erlebt habe. Die Freude über die Windunterstützung auf dem Rückweg war leider nur von kurzer Dauer, weil dann die berühmten Mumuku Winde einsetzten, starke Böen schräg von vorne, so dass man zeitweise gar nicht zur Trinkflasche greifen konnte. Insgesamt lief es auf dem Rad – meine mit Abstand stärkste Disziplin und bisher bei jedem Ironman ein „Genuss“ – diesmal überhaupt nicht. (Anmerkung: Zumindest ein Problem entdeckte ich beim Zerlegen des Rades, dass die neue Sattelstütze 5mm zu hoch montiert war). Insofern war es für den Kopf ganz gut, dass ich die Zeit von 5 Std 38 Min nicht kannte…

 

…schnell meinen Laufrhythmus gefunden und war auf der „Überholspur“.

 

Nach dem Absteigen schienen sich meine schlimmsten Befürchtungen zu bewahrheiten: Barfuß zum Umkleidezelt konnte ich mit dem rechten Fuß kaum auftreten. Mit den Laufschuhen musste ich erst ein Stück gehen, doch beim Loslaufen hatte ich dann weit weniger Schmerzen als bei den Trainingsläufen und kam gut den ersten Anstieg der Palani Road hoch. Auf dem Weg zum ersten Wendepunkt, der 8km auf dem Ali’i Drive entlang der wunderschönen Küste nach Süden führt, habe ich dann schnell meinen Laufrhythmus gefunden und war auf der „Überholspur“.

Allerdings war die Hitze so brutal, dass mir Zweifel kamen, den gesamten Marathon durchzuhalten und ich den steilen, langen Anstieg der Palani Road gehend bewältigte. Den endlosen, monotonen und sehr welligen Highway ohne Zuschauer zum zweiten Wendepunkt am Energy Lab erlebte ich mental als Tiefpunkt, zumal ich keine Zwischenzeit hatte und mich schon jenseits der 12h sah. Es war für alle Athleten ein Kampf von einer Verpflegungsstation zur nächsten:

 

Cola, Iso, Wasser, Eis, reinschütten, was geht.

 

Das Energy Lab war dann auch mental die Wende, denn jetzt ging jeder Schritt zurück Richtung Ziel. Und als ich dann beim km30-Schild am Sonnenstand (geht exakt 18:06 unter) realisiert habe, dass ich deutlich unter 12 Stunden reinkommen müsste, hat dies alle Kräfte freigesetzt. Die letzten beiden km in Kona waren dann einfach unglaublich. Nach dem Abbiegen auf den Ali’i Drive die Zuschauermassen im Zielkanal und der Blick auf die Finish Line. Und dann die Ansage der „Stimme des Ironman“ Mike Reilly, für die man den ganzen Tag kämpft: „We welcome from Germany Alfons Dees. You’re an Ironman!“ Der emotionalste Moment meines Sportlerlebens.“

Mit der Gesamtzeit von 11:32h hatte ich mich mit Platz 8 auf dem Rad und dem 6. Platz im Marathon auf den 12. Platz in der Alterklasse vorgekämpft, und war damit zweitbester Deutscher.

 

Ein Ergebnis, das meine Erwartungen, angesichts der problematischen Vorbereitung weit übertroffen hat.

 

Die Schmerzen und die Qual waren am nächsten Tag bereits vergessen. Dieser Wettkampf ist so unvergleichlich, dass ich auf jeden Fall hier wieder starten möchte.

 

Schöne Grüße von den wunderschönen Inseln

 

Alfons

 

PS: Kennt jemand einen guten Schwimmtrainer für Einzelunterricht? Ich bin jetzt doch motiviert, es im fortgeschrittenen Alter nochmal zu versuchen… Über Vorschläge an alfons.dees@gmx.de würde ich mich sehr freuen!

 

 

*Bilder Alfons Dees